"Sofort" und "unverzüglich" waren die Zauberworte: ZK-Sprecher Günter Schabowski verkündete am 9. November 1989 kurz vor 19 Uhr die Öffnung der DDR-Grenzen nach Westen. Keine zwei Stunden später durften die ersten DDR-Bürger an der "Waltersdorfer Chaussee" tatsächlich einfach so "rüber", um 23.30 Uhr wurden zuerst an der "Bornholmer Straße" alle Kontrollen völlig eingestellt.
Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 ist die Nacht des "Mauerfalls": Gegen Mitternacht waren fast alle Grenzübergange in Berlin geöffnet, DDR-Bürger strömten massenhaft nach Westberlin und zurück, die Paßkontrolleure der Stasi kapitulierten. Soviel ist gewiss. Weniger klar war bisher, wann die ersten DDR-Bürger ohne formelle Ausreisegenehmigung die Grenze passieren durften. Zuletzt galt als gesichert, dass das erstmals gegen 21:30 Uhr an der Bornholmer Straße möglich war. Jetzt berichten Zeitzeugen exklusiv im ZDF, dass schon eine Stunde früher an der "Waltersdorfer Chaussee" DDR-Bürger nach Westberlin durften.

Exklusiv berichtet Heinz Schäfer, 1989 Oberstleutnant der DDR-Grenztruppen und Kommandant des Grenzübergangs "Waltersdorfer Chaussee", dass er direkt nach Schabowskis Pressekonferenz zu "seinem" Grenzübergang gefahren ist, die Sicherungsanlagen abschaltete und seinen Grenzsoldaten befahl, Ausreisewillige auch wirklich durchzulassen: "Zwischen halb neun und neun sind die durch bei uns, da war offen."
Das bekam im übrigen Berlin niemand mit. Denn die Grenzübergangsstelle an der Waltersdorfer Chaussee, von der DDR "GÜSt Rudower Chaussee" genannt, lag nicht nur "Jott-we-de", also "ganz weit draußen". Sie war sogar bei vielen DDR-Bürgern, die in der Nähe wohnten, wenig präsent. Selbst mit Genehmigung durften DDR-Bürger hier zuvor nicht die Grenze passieren, das war Westberlinern, Bundesdeutschen und Ausländern vorbehalten. Es handelte sich um einen Vorposten der Stasi-Passkontrolle am Flughafen Schönefeld.
Die damaligen DDR-Bürger Andreas Groß und Ralf Schmidt berichten, dass sie am 9. November gegen 20:30 Uhr mit den Fahrrädern zum nahe gelegenen Grenzübergang an der Waltersdorfer Chaussee gefahren sind: "Dann fragten wir höflich, wir hätten gehört, man könne hier jetzt in die Bundesrepublik ausreisen - vollkommen problemlos", erinnert sich Andreas Groß: "Und dann sagte uns der Kollege von den Grenztruppen: Ja, das wäre wohl möglich." Die Fahrräder mußten die beiden Männer kurioserweise an der Grenze zurücklassen: "Die kamen mir nicht ganz sortiert vor, die Jungs", beschreibt Groß die Lage.
Mit einem Ausreise-Stempel im Paß durften die DDR-Bürger nach Westberlin ausreisen. Dort, in Rudow, stiegen sie in einen Bus, der an der Endhaltestelle vor der Grenze stand. "Wir kommen aus dem Osten, die haben die Grenzen gerade aufgemacht und wir würden ganz gerne irgendwo Richtung Ku'damm fahren", sagten sie dem verdutzten Fahrer, der noch von nichts wußte. Etwa anderthalb Stunden später waren sie am Ku´damm - dort trafen inzwischen auch DDR-Bürger ein, die ab 21:30 Uhr an der Bornholmer Straße über die Grenze gegangen waren.
Auch der damalige DDR-Bürger Patrick Koglin erinnert sich, dass die Grenze zwischen Rudow und Schönefeld schon gegen 21 Uhr geöffnet war: Er war an diesem Tag mit Genehmigung in Westberlin gewesen und reiste über die Waltersdorfer Chaussee wieder in die DDR ein: Erstaunlicherweise wurde er einfach durchgewunken, und die Grenzsoldaten waren nicht bewaffnet. Seine Bitte um eine Zählkarte für die nächste Ausreise wurde beschieden mit den Worten: "Sie brauchen keine Zählkarte mehr."
Auf westlicher Seite gehört Jörg Weder zu den ersten Augenzeugen an der Waltersdorfer Chaussee: Kurz nach 20:30 Uhr beobachtet er, dass vereinzelt DDR-Bürger einreisten. Hannelore Ingenhütt war ab 21:30 Uhr an der Mauer und sah erst Fußgänger und Radfahrer, schließlich auch Trabbis über die Grenze kommen. Bis 22 Uhr haben sich viele Menschen an der Waltersdorfer Chaussee versammelt, darunter Heinz Uehr, Ingrid und Joachim Brandt: Sie werden Zeugen, wie dort massenhaft DDR-Bürger nach Westberlin einreisen.
Damit widersprechen die Augenzeugen dem, was die Stasi später schriftlich niederlegt. Im MfS-Bericht vom 10. November wird behauptet, erst ab 23 Uhr seien die ersten DDR-Bürger am Grenzübergang Walterdorfer Chaussee eingetroffen, "eine Viertelstunde später wurde die Abfertigung aufgenommen".
Der MfS-Bericht ist das einzige Dokument bezüglich der Uhrzeiten, aber keines, das unkritische Glaubwürdigkeit verdient. "Es wird versucht, den Eindruck zu erwecken, die Grenzöffnung sei planmäßig - "entsprechend zentraler Weisung" - verlaufen"; dabei werde das Chaos an den Grenzübergangen völlig verschleiert, so die kritische Einschätzung der "Birthler-Behörde" BStU.

Selbst die eigenmächtige Kapitulation der Passkontrolleure am Grenzübergang Bornholmer Straße um 23:30 Uhr versucht das Stasi-Dokument zu verschleiern: "Aufgrund des enormen Andranges konnten die Personalausweise nicht gestempelt werden", heißt es lapidar.
Tatsächlich waren die DDR-Staatsorgane um diese Zeit auf der "Bösen Brücke" nicht mehr Herr der Lage. Tausende von DDR-Bürgern erzwangen die Öffnung der Schlagbäume. Die anderen Berliner Grenzübergangsstellen folgten praktisch im Minutentakt - die "Mauer" war Geschichte.